Gewaltsames Verschwindenlassen von Menschen in Mexiko und weltweit

Zwei Ausstellungen in Berlin

Wolfgang Grenz, Mexiko- und Zentralamerika-Kogruppe

Es waren unvorhergesehene Umstände, die im Juli 2017 dazu führten, dass zwei thematisch benachbarte Ausstellungen zeitgleich in der Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg in Berlin zu sehen waren (vom 11. bis 22. Juli 2017), die Kunstausstellung „Huellas de la Memoria“ (Spuren der Erinnerung) des mexikanischen Bildhauers Alfredo López Casanova und die neue Wanderausstellung „Wo sind sie? Kein Mensch verschwindet spurlos“, erarbeitet von der Mexiko- und Zentralamerika-Koordinationsgruppe von Amnesty International.

HuellasdeMemoria(Foto: Fabian Lischkowitz, Rolando González und Wolfgang Grenz)In beiden Fällen ging es um das Verbrechen des gewaltsamen Verschwindenlassens von Menschen, das in Mexiko seit Jahren tausendfach begangen wird.  Die Eröffnung am 11. Juli 2017 fand im Beisein des Bildhauers Alfredo López und Mathias John, Amnesty-Vorstandsmitglied für Länder- und Themenarbeit, statt.

Der Künstler hatte sich an einem Morgen des Jahres 2013 in Mexiko-Stadt einem Protestmarsch von Müttern und Vätern angeschlossen, deren Kinder Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen geworden waren. Dabei fiel sein Blick auf die Füße dieser Menschen. In ihren abgelaufenen Schuhen sah er nicht nur ein Zeichen für die unzähligen Schritte, die sie auf der Suche nach ihren Söhnen und Töchtern gemacht haben, sondern auch ein starkes Symbol ihres unermüdlichen Kampfes für Wahrheit und Gerechtigkeit. In seinem Kopf entwickelte sich der Gedanke, dass die Schlüsselbegriffe, um die es hier ging, GEHEN und SUCHEN waren. Fortan ließ er sich von den Angehörigen abgelaufene Schuhe geben und ritzte in die Sohlen in Spiegelschrift Namen, Daten, Worte und Sätze, die ihm die Suchenden nannten.

So entstand das Kunstprojekt „Huellas de la Memoria“, das mittlerweile von einem Kollektiv betrieben wird. Die Installation besteht aus den von der Decke hängenden Paaren von Schuhen, mit den darunter liegenden wie Linolschnitte wirkenden Drucken auf Papier. Die Abdrücke der Spuren jedes Schuhpaares erzählen von den Menschen, denen sie gehören, wen sie suchen, wo und wann ihre Angehörigen verschwanden und was die Suche und das Gehen für sie bedeutet.

Die schwarzen Spuren sind ein Zeichen der Trauer und bedeuten, dass die Verschwundenen leblos aufgefunden wurden. Die roten Spuren gehören Familienangehörigen, die ermordet wurden, während sie nach ihren Kindern suchten. Die grünen Spuren sind von jenen, die weitersuchen und die Hoffnung nicht aufgegeben haben sie zu finden. Aber sie alle sind Spuren, die ihren Weg fortsetzen, um die Erinnerung lebendig zu halten, damit die Namen, Geschichten und Leben derjenigen nicht in Vergessenheit geraten, über deren Verbleib wir nichts wissen. Es sind Spuren der Erinnerung auf der Suche nach Gerechtigkeit, die Wege der Hoffnung erschließen.

Im zweiten Ausstellungsraum der Galerie wurde die Amnesty-Ausstellung gezeigt. Unter dem Motto „Wo sind sie? Kein Mensch verschwindet spurlos“ verdeutlichte die Ausstellung der Mexiko- und Zentralamerika-Koordinationsgruppe, dass die Verschwundenen in der Erinnerung der Angehörigen und Freunde präsent bleiben. Auch sollte mit der Ausstellung diesem grausamen Verbrechen Öffentlichkeit entgegengesetzt werden.
Der Auslöser für dieses Projekt war das Verschwinden der 43 Studenten des Landlehrer-Seminars von Ayotzinapa in der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014. Die Amnesty-Koordinationsgruppe arbeitet seit vielen Jahren eng mit dem örtlichen Menschenrechtszentrum „Tlachinollan“ zusammen. Dessen Leiter Abel Barrera hatte 2011 den deutschen Amnesty-Menschenrechtspreis erhalten. Abel besuchte die Kogruppe im Oktober 2014 und berichtete von dem Vorfall. Tlachinollan betreut nach wie vor die Angehörigen der verschwundenen Studenten.

Auf 28 großformatigen Tafeln illustrierte die Ausstellung die Hintergründe des Verbrechens und beschrieb die Dimensionen des gewaltsamen Verschwindenlassens. Dabei wurde zum einen der rechtliche Rahmen abgesteckt und darauf hingewiesen, dass Mexiko zu den Ländern gehört, die das internationale Übereinkommen der Vereinten Nationen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen ratifiziert hat, dieses aber laufend missachtet: In den vergangenen zehn Jahren sind nach amtlichen Angaben über 32.000 Menschen verschwunden. Zum anderen wurden Einzelfälle gezeigt als Beispiel des gewaltsamen Verschwindenlassens seit den Zeiten des so genannten „Schmutzigen Krieges“ (1970er Jahre) bis zur Gegenwart.

Die beiden Ausstellungen ergänzten sich in der Weise, dass die Namen und Daten auf den Schuhsohlen teilweise auf den Tafeln der Amnesty-Ausstellung wieder auftauchten und wie Spiegel des grausamen Geschehens wirkten.
Ohne die Dimension des Dramas im gegenwärtigen Mexiko relativieren zu wollen, bot die Ausstellung am Ende einen „Blick in die Welt“ und wies darauf hin, dass es sich bei dem gewaltsamen Verschwindenlassen von Menschen um ein weltweit praktiziertes Phänomen handelt. Länderbeispiele sind die Türkei, Argentinien, Syrien, Tschetschenien, Nigeria und die Philippinen.


Joomla templates by a4joomla